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Der blanke Wahnsinn

 

Völlig fertig komme ich im Frauenhaus an, ich bin in Sicherheit! Und ich bin glücklich!

Zum ersten Mal seit Luzias Geburt darf ich sie abends ins Bett bringen. Bisher musste sie immer auf Alexanders Bauch vor dem Fernseher einschlafen.

 

Das Jugendamt regelt nach und nach das Umgangsrecht mit dem Vater. Nach 6 Wochen erhält Alexander ein begleitendes Umgangsrecht. Luzia und ich ziehen in unsere erste gemeinsame Wohnung.

 

Im August entscheidet das Gericht vorläufig, dass Luzia jedes 2. Wochenende samstags und sonntags und an den anderen Wochenenden samstags bei ihrem Vater ist.

Der Vater beeinflusst Luzia massiv, macht mich vor dem Kind schlecht, redet ihr ein, dass ich böse bin.

Ich sehe, wie meine Tochter leidet, suche Hilfe bei einer Kinderpsychologin.

 

Im September ziehen wir zu meinen Eltern, die extra für uns die Dachwohnung renoviert haben. Ich nehme meine Arbeit als Stadtgärtnerin wieder auf.

Um 7 Uhr morgens bringe ich Luzia in den Kindergarten und hole sie nach meiner Arbeit um 12 Uhr wieder ab.

 

Im Herbst macht Luzia ihren Schwimmkurs; sie hat sehr viel Spaß daran, macht die besten „Arschbomben“ von allen Kindern!

 

Alles könnte so schön sein, aber der schlechte Einfluss vom Vater wird immer stärker. Jedes Wochenende ein Drama beim Abholen und Zurückbringen. Alexander sagt beim Abschied zu Luzia: „Luzia, du musst jetzt tapfer sein, bis ich dich wieder holen darf!“

 

Der Kindergarten informiert mich, dass Luzia sich montags nach dem langen Besuchswochenende immer sehr aggressiv verhält.

Es ist anstrengend: ständig Gerichtstermine und Termine beim Jugendamt, denn Alexander zeigt mich wegen angeblicher Kindesmisshandlung an.

Zusätzlich gibt es Gesprächstermine in Würzburg wegen des vom Gericht angeordneten psychologischen Gutachtens.

Wie soll ich das alles schaffen? Mein Körper schmerzt wegen Rheuma.

Für Luzia tue ich alles!

 

Das Umgangsrecht wird neu geregelt: der Vater holt alle 14-Tage freitags Luzia aus dem Kindergarten ab und bringt sie montags wieder hin.

 

Freitag, 2. Februar 2008:

das erste Besuchswochenende beginnt.

Wie immer habe ich ein ungutes Gefühl, mache mir Sorgen. Meine Freundin versucht mich zu beruhigen.

 

Montag, 4. Februar 2008:

Ich versuche, den Vater noch vor 7 Uhr auf seinem Handy zu erreichen. Sein damaliger Arbeitgeber meldet sich. Alexander ist nicht zur Arbeit erschienen.

Sein Handy liegt im Auto, und sein Hund ist am Auto angeleint. Wie lange schon?

Ich rufe sofort die Polizei an! Mein Verdacht bestätigt sich: der Vater hat Luzia entführt!

 

Vier Wochen lang weiß ich nicht, ob meine Tochter überhaupt noch lebt. Ich bin völlig verzweifelt. Kontaktaufnahme zu örtlicher Polizei, zur Kriminalpolizei, zum Jugendamt, Rechtsanwalt, zur Psychologin, zum Justizministerium Berlin, Internationalen Sozialdienst, Detektiv, zu Botschaften, zur Elterninitiative „vermisste Kinder“ und natürlich zu allen, die auch nur irgendwie helfen können.

 

Am 7. März 2008: Endlich ein Lebenszeichen! Alexander meldet sich aus Izmir.

14 Tage später fliegt mein Schwager nach Izmir. Er sieht Luzia von Weitem. Jetzt weiß ich endlich, dass sie wirklich noch lebt!

 

Anfang April fliege ich mit dem Detektiv nach Izmir. Wir stehen mit dem Auto in der Nähe von Alexanders Haus. Er fährt zum Kindergarten und wir hinterher. Den ganzen Tag hoffe ich darauf, dass die Kinder auch außerhalb des Hauses spielen. Aber von 7.30 Uhr bis 19.30 Uhr passiert nichts. Dann kommt Alexander, er holt Luzia ab. Ich sehe zum ersten Mal nach langer Zeit mein Kind - nur 10 Meter von mir entfernt !

 

Nach langem Hin und Her und mehreren Umbuchungen darf ich Anfang Juni – kurz vor Luzias Geburtstag - per Gerichtsbeschluss zum ersten Mal meine Tochter sehen! Ein Beamter, ein Polizist und ein Psychologe fahren mit mir und meinem Anwalt zur Wohnung von Alexander. Ich muss vor der Gartentür warten, während die anderen in die Wohnung gehen. Die Psychologin bereitet Luzia auf das Wiedersehen mit mir vor. Dann werde ich hinein gebeten. In der Wohnung sind auch noch zwei Kindergärtnerinnen und Alexanders Anwalt. Aus einem Nebenraum wird Luzia geholt. Alexander bleibt im Nebenraum. Luzia zeigt mir ihre Spielsachen. Alle Leute sitzen außen herum und unterhalten sich. Ich lächele meine Tochter an, innerlich weine ich. Wir haben sehr viel Spaß miteinander: ich lese ihr ein Buch vor und knete mit ihr. Plötzlich ruft Alexander Luzia zu sich und befiehlt ihr, mit der einen Kindergärtnerin zu spielen. Mein Anwalt und ich haben den Eindruck, dass Alexander und die Kindergärtnerin ein Paar sind. Alexander betritt den Raum, zeigt auf die Uhr und sagt: „Die Zeit ist um!“ 1 Stunde mit meiner Tochter!

Ich verabrede mit dem Kindergarten, dass ich Luzia anrufen darf.

 

Von zu Hause versuche ich immer wieder, Luzia telefonisch im Kindergarten zu erreichen, es ist nicht möglich.

 

Ende Juli zur 1. Verhandlung vor dem türkischen Familiengericht darf ich Luzia im Kindergarten für zwei Stunden besuchen. Im Spielzimmer, getrennt von den anderen Kindern und unter Aufsicht der Kindergärtnerinnen spiele ich mit Luzia gespielt und male Bilder. Die Zeit vergeht wie im Flug. Beim Abschied läuft Luzia mir hinterher, umarmt mich, drückt mich, fragt, ob ich sie wieder besuchen komme. Die Kindergärtnerinnen trennen Luzia von mir.

Ich vereinbare mit dem Kindergarten, dass ich Luzia Briefe schreiben darf.

 

Am nächsten Tag fahre ich nach der Verhandlung mit meinem Anwalt wieder in den Kindergarten. Luzia spielt oben mit den anderen Kindern. Die Kindergärtnerin sagt, dass sie nicht nach unten kommen will. Ich kann nicht nach oben gehen, da ich keinen Kontakt mit den anderen Kindern haben darf.

Luzia hat gerade aufregenden Besuch: ihr deutsche Cousin ist da!

Ich verhandle im Büro mit den Kindergärtnerinnen, da ich unbedingt meine Tochter besuchen will. Währendessen kommt die Schwester von Alexander, geht nach oben zu den Kindern und holt ihren Sohn ab. Sie bekommt meine Misere mit, verlässt lachend den Kindergarten.

Ich habe keine weitere Möglichkeit mehr, Luzia zu besuchen, da Alexander mit ihr in den Urlaub fährt.

 

Zu Hause schreibe ich jeden Tag einen Brief an Luzia. Mit ganz viel Zeit und Liebe gestalte ich die Briefe, fertige kleine Zeichnungen an, füge Bilder und Fotografien ein, wenn möglich auch eine kleine Überraschung.

 

Zwei Wochen später ist die zweite Verhandlung. Ich beantrage beim Richter, Luzia besuchen zu dürfen. Er verweigert dies erst mit der Begründung ich könne meine Tochter entführen. Dann entschließt er sich, einen Besuch im Kindergarten zu erlauben, wenn der Kindergarten einwilligt. Der Kindergarten lehnt ab, weil zur Zeit die Neuanmeldungen laufen und sie keine Komplikationen wünschen.

Mein Anwalt verhandelt mit dem Gegenanwalt. Ich darf Luzia für ½ Stunde in der Wohnung von Alexander sehen.

Alexander lässt uns rein, er hat Luzia auf dem Arm. Er setzt sich, Luzia auf seinem Schoß. Sie versteckt ihr Gesicht an seinem Bauch. Ich frage Luzia: „Hast du meine Briefe schon bekommen?“ Alexander antwortet: „Nein, und wenn Briefe kommen, dann nur in meinen Briefkasten!“

Mit viel Einfühlungsvermögen und Liebe gelingt es mir, mit Luzia ein Gespräch zu beginnen. Sie steht auf, kommt zu mir, wir albern ein bisschen herum, dann steht Alexander auf und sagt: „Die Zeit ist um!“

Ich darf sie nicht noch einmal besuchen und muss wieder ohne meine Tochter nach Hause fliegen, obwohl das Gericht meinem Antrag auf Rückführung zugestimmt hat. Während der Revisionszeit bleibt sie in der Obhut des Vaters. Ich habe nur noch Angst.

 

Wieder in Deutschland schicke ich auf Anraten meines Anwalts die nächsten Briefe an Luzia per Einschreiben. Beim nächsten Telefonat teilt mein Anwalt mir mit, dass im Kindergarten ganz viele Briefe auf einmal angekommen sind, da es einen „Briefstau“ gab.

 

Weiterhin versuche ich, Luzia telefonisch zu erreichen. Aber immer heißt es: sie ist krank; wird gerade abgeholt; macht gerade Urlaub und so weiter.

Ich spüre, irgendetwas stimmt nicht und rufe erneut an und erfahre: Luzia besucht nicht mehr diesen Kindergarten.

Mein Anwalt erfährt, dass Alexander mit Luzia nach Mersin an die syrische Grenze umgezogen ist. Darüber ist er nicht informiert worden, da Alexander den Umzug bei einem anderen Richter beantragt hat, und dieser die Staatsanwaltschaft nicht verständigt hat!

Der Richter in Izmir kann mir keinen weiteren Besuch erteilen, da Mersin nicht in seinem Zuständigkeitsbereich liegt. Er sieht aber auch kein großes Problem, da ich ja sowieso bald meine Tochter zurückbekommen werde.

 

Aber ich lasse nicht locker, da ich befürchte, dass sich Alexander weiter absetzt.

Ich plane, mit meinem Anwalt nach Mersin zu fliegen. Über das Justizministerium in Berlin erfahre ich, dass Alexander nach Izmir zurückgekehrt ist und mit seiner neuen Freundin, der Kindergärtnerin, ein Haus gemietet hat.

Anfang Februar 2009 teilt das Justizministerium in Ankara mit, dass ich unverzüglich meine Tochter sehen soll.

Der Termin verschiebt sich immer wieder, weil Alexander Einsprüche erhebt. Er will jeden Kontakt zu meiner Tochter verhindern.

Dann endlich ist es soweit: am 20. Februar – 6 Monate habe ich meine Tochter nicht gesehen! – fliege ich in die Türkei! Den Koffer gepackt mit Weihnachtsgeschenken.

Laut richterlichen Beschlusses darf ich Luzia am 21. Februar um 10.00 Uhr von zu Hause abholen und ein paar gemeinsame Stunden mit ihr verbringen, ohne dass Alexander dabei ist, ohne irgendeine Überwachung. Wahnsinn!

Ich fahre mit meinem Anwalt, einem Beamten und einem Psychologen zum Haus.

Alexander verbietet mir, das Grundstück zu betreten. Ich muss mit dem Taxifahrer an der Gartenpforte warten. Ich warte und warte, 10 Minuten vergehen. Dann erklärt mir mein Anwalt, dass Luzia nicht mit mir mitgehen möchte. Aber sie kommt mit Alexander kurz in den Garten.

Luzia, Alexander und seine Freundin kommen vor das Haus. Ich darf weiterhin das Grundstück nicht betreten. Aus 10 Metern Entfernung begrüße ich meine Tochter.

Sie strahlt mich verschüchtert an. Wir wechseln ein paar Worte über ihre schicke Kleidung.

Dann sagt Luzia: „Du bist nicht meine Mutter. Das – und sie zeigt auf die neue Freundin von Alexander - ist meine Mutter.“

Ich antworte: „Nein Luzia, hier in meinem Bauch bist du gewachsen und das ist deine neue Freundin.“

Luzia: „Nein, das kann nicht sein. Die hat lange Haare und sie trägt auch Röcke - so wie ich.“

Ich bitte sie: „Dann frag deinen Papa, ob ich deine Mutter bin.“

Luzia fragt Alexander: „Ist das meine Mutter?“

Alexander: „Nein!“

Ich weine.

Luzia mit unglücklichem Gesicht: „Du kannst ruhig weinen, das macht mir nichts aus.“

Ich versuche, sie doch noch umzustimmen. Alexander steht immer einen Meter neben Luzia, von der Tür aus hält die Freundin ständig den Blick auf sie gerichtet.

Ich beginne ein Gespräch über die Katze, die gerade vorbeiläuft. Luzia erklärt mir, dass sie schon 4 Hunde in der Nachbarschaft kenne. Sie rennt aus dem Garten, an mir vorbei und will mir zeigen, wo die Hunde sind. Ich will gerade auf sie zugehen, da kommt Alexander angerannt, schnappt Luzia, hält sie fest im Arm, läuft an mir vorbei und sagt zu Luzia gewandt: „Du bist hier die Chefin.“ Dann gehen sie ins Haus.

Ich bleibe weinend zurück. Auf die rechtliche Möglichkeit, meine Tochter durch die Polizei aus dem Haus zu holen, verzichte ich.

 

Noch vor Ort wird ein Protokoll angefertigt. In diesem hält der Psychologe fest, dass er gleich gemerkt hat, dass Luzia gerne mit mir gehen würde, sie aber völlig unter Alexanders Machteinfluss steht.

 

ICH WILL MEINE TOCHTER ZURÜCK!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  

 

 

Luzia

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